Strategien des Verschweigens: Sich als politische Richter über wissenschaftliche Richter aufspielen

Ich habe gerade einen Satz in Bourdieus Homo Academicus gefunden, der zum Teil das ausspricht, wofür ich schon länger nach den richtigen Worten suche: B. schreibt angesichts von mehr oder weniger konservativen Kollegen im französischen Wissenschaftsbetrieb der 1960er Jahre

Fälle [...], in denen die Politisierung im Sinne einer kompensatorischen Strategie eingesetzt wird, mittels deren man sich den spezifischen Gesetzen des universitären und wissenschaftlichen Marktes entziehen kann; hierzu zählen zum Beispiel die vielfältigen Formen der politischen Kritik wissenschaftlicher Arbeiten, die es Produzenten, die wissenschaftlich nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind, erlauben, sich und ihresgleichen die Illusion zu vermitteln, das überwunden zu haben, was in Wirklichkeit ihren Horizont übersteigt: Der Zustand des historischen Materialismus - so wie er sich in seinen sozialen Verwendungsweise heute real darbietet - bleibt unverständliche, wenn man nicht sieht, daß er, mit all den Verweisen auf das 'Volk' und die 'breite Masse', nicht selten für die wissenschaftlich Bedürftigen als eine Art letztes Mittel herhalten muß, das es diesen erlaubt, sich als politische Richter über die wissenschaftlichen Richter aufzuspielen.

Nun läßt sich diese Strategie in ganz ähnlicher Form auch im post-sozialistischen Rumänien (und anderswo) finden. Hier scheint es mir weniger die Technik von Minderbegabten zu sein, die eben ihre mangelnde Genialität überspielen möchten - wiedermal ein reichlich plumpes Argument, das Bourdieu in langen Sätzen versteckt-, sondern ein Ablenken vom eigentlichen Kern der Sache, das mit der Hoffnung verbunden ist, beim ebenfalls konservatieren Adressaten, Sympathie hervorzurufen oder ihn/sie sogar zur Zustimmung zu bewegen. Wenn man den psychologischen Ausdruck "Kompensation" bei B. mit einem anderen ersetzen würde, dann handelt es sich hier wohl eher um Verdrängung.

Da muss ich gar nicht mit dem Vorwurf kommen, dass es um ein Vertuschen der eigenen Involviertheit in einen Unrechtsstaat geht. Das wäre schon wieder ein Totalvorwurf.

Festzuhalten bleibt, dass die politische Beurteilung eines wissenschaftlichen Diskurses ablenkt. Obwohl vielleicht nicht immer faktisch falsch - wie vielleicht im konkreten von Fall von VD -, lenkt diese Verdrängungsstrategie von den Mechanismen ab, mit denen der politische Diskurs funktioniert - also von dem, was mich eigentlich interessiert.  Dabei geht es mir gar natürlich nicht um Wahrheit, aber das wird man natürlich unterstellen, wenn ich so argumentiere. Mal abwarten. 


Bourdieu, Pierre (2002): Homo academicus. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1002)

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